Chronik
© Männergesangverein Wenzen von 1862

Aus der Geschichte des Vereins

Im herzogtümlich braunschweigischen Dorf Wenzen schlug im Jahre 1862 die Stunde für die Gründung eines heimischen Männergesangvereins. Bismarcks Bemühungen (im selben Jahr preußischer Ministerpräsident!) um die großdeutsche Einigungslösung für das deutsche Vaterland, von dem so viele Lieder aus dem 19. Jahrhundert singen, trat auf der Stelle. Vier Jahre später wurde nach der Schlacht bei Langensalza auch das Königreich Hannover dem Preußischen Machteinfluss zugeführt. Mit dem Sieg über Frankreich 1871 schließlich erstand das Zweite Deutsche Reich mit der Kaiserproklamation Wilhelms I in Versailles. Wie mag das alles damals empfunden worden sein in den Herzen der Sänger, die zwar braunschweigisch und hannoversch noch klar trennten im Raum Wenzen - Einbeck, aber doch sicherlich auch auf der Woge des nationalen Einheitsgefühls schwammen? Gesichert ist das Gründungsdatum des Vereins durch die erste Fahne, auf der die Jahreszahl 1862 eingestickt ist. Wichtig und ungewohnt zugleich muß für das Vereinsleben damals die Funktion der Leitung der Vereinsaktivitäten gewesen sein. Sicherlich nicht im engeren demokratischen Sinne, aber doch mit der Zustimmung aller Mitglieder fiel die Verantwortung dafür auf angesehene Persönlichkeiten des Dorfes. Lückenlos ist hier die Kette der Leiter nachzuvollziehen. Spannend vor allem aber die Frage, wer die musikalischen Impulse des Gesangs verantwortete. Hier ist gewiß die Funktion der Schulmeister zu benennen, die als Kantoren der Kirchengemeinde auch da die musikalischen Akzente setzten. Namen wie Kantor Bock und Kantor Propfe weisen uns hier den Weg; ihre handschriftlichen Notizen in den alten Chorbüchern sind dafür Beleg. Schwere Zeiten hat das Vereinsschiff Männergesangverein überstanden. Zwei Weltkriege mit den Opfern dezimierten den Sängerbestand. Aber der Wunsch, in neugewonnenen Friedenszeiten wieder unbeschwert zu singen, brach sich jeweils Bahn. Besonders war das nach 1945 der Fall, als die nationalsozialistische Gängelung des Vereinslebens endete und vor allem durch die vielen Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten ein besonderer Kulturschub den Männergesang wieder erblühen ließ. In Wenzen gab es eine Zeit lang sogar einen gemischten Chor. Aber das Bedürfnis nach männerseliger Unabhängigkeit gliederte dann bald den Singebetrieb in MGV, Frauenchor und Kirchenchor. Die Dirigenten der Nachkriegszeit waren Erich Hennigs, Herrmann Hundertmark und Erich Kirsten, bis dann ab 1974 eine besondere Besetzung des Dirigentenamtes erfolgte: Der junge Dorfpfarrer Winfried Karius erklärte sich bereit, diese Funktion zu übernehmen. Bis in das heutige Fest hinein prägt seine Handschrift den MGV musikalisch. Das reichhaltige Repertoire der herkömmlichen Chorliteratur wurde gründlich überarbeitet, durch neuere Lieder angereichert und vor allem das Auftrittsbild des MGV professionalisiert: Auswendig und damit auf den Dirigenten aufmerksam trägt der MGV Wenzen seine Lieder vor. Mitgeschleppte Noten, deren umständliche Verteilung und das Schielen über Lesebrillen hinweg entfällt. Dadurch erhöhte sich die Beweglichkeit und Einsatzfähigkeit der Sänger enorm. Zum Auftrittsumfang gehört inzwischen das Absolvieren von Ständchen, wo immer gewünscht, der spontane Liedvortrag auf Fahrten oder bei Besichtigungen, der Maieinsatz im Dorf am Feiertag 1. Mai an verschiedenen Plätzen, der Vortrag aller bekannten Weihnachtslieder auf den Weihnachtsmärkten, die Mitwirkung im Gottesdienst oder bei gemeinsamen Sängerveranstaltungen und vieles anderes mehr. Schmerzlich begleitet auch den MGV Wenzen das Abschiednehmen von  vertrauten Sängern. Allen  verstorbenen Mitgliedern konnte bis heute am Grabe das ehrende „letzte Lied“ gesungen werden. Der Kreis der Aktiven aber ist dadurch bedrohlich geschrumpft. Die unbeantwortete Frage bleibt brennend aktuell: Warum tretet ihr singefähigen Männer nicht dem Verein bei? Es fehlt  in ihm nicht an fröhlicher Gemeinschaft, an verläßlicher Kameradschaft und  an Aktivitäten aller Art. Aber wenn die Zahl der Sänger unter zehn sinkt, dann werden wir kein Gesangverein mehr sein, sondern allenfalls noch ein kleines Ensemble, das nur noch zum eigenen Vergnügen sänge. Einer der entscheidenden  Träger der dörflichen Kultur wäre damit von der Bühne abgetreten. 150 Jahre Männergesangverein Wenzen – ein Tag also der Freude und der Dankbarkeit über solch reichhaltige Geschichte -   aber auch ein Tag der bangen Hoffnung: Wird  es das Fest der 160 Jahre geben?                                                             W.K.